Geschichte

Der Bären im Robach schaut zurück auf eine jahrhundertealte Geschichte. Nach dem Tod der letzten Besitzerin aus der Familie Fässler ging die Wirtschaft in den Besitz der Gemeinde über. Als eine umfassende Sanierung des kulturhistorisch wertvollen Objektes anstand, wurde 2003 die Bären-Robach-Stiftung gegründet, um die Gemeinde zu entlasten sowie die fachgerechte Erhaltung und den Betrieb als Gastwirtschaft sicherzustellen.
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Gefunden im Beizenführer «Urwaldhaus, Tierhag, Ochsenhütte»
Die schönsten Ostschweizer Beizen und die (Wander-) Wege zu Ihnen.
von Werner, Bucher und René Sommer, Orte Verlag, 1997

 

Ein „Urwaldhus“, das ein Siechenhaus gewesen ist

 

Der Kaffee ist praktisch in dem Moment schon da, wenn er bestellt wird. Die Wirtin Susi Sturzenegger macht dabei kein Wettrennen um die Gunst des Gastes; sie arbeitet einfach rasch und speditiv. 

Ihre Wirtschaft liegt an einer beliebten Wanderroute, die im Naherholungsraum St.Gallens auf den Kaien. den Gupf oder zur „Aachmühli“ führt. Sie kann auf ihre Stammgäste zählen, gilt doch das „Urwaldhus“ im Weiler Robach (Rehetobel) für Bauern, andere Rehetobler und Auswärtige als Beizli mit Ambiance. Die Grösse der Wirtin verstärkt den liliputaner-haften Eindruck, den die  Tür erweckt. Als wohl einzigeWirtin des Kantons Appenzell Ausserrhoden muss Frau Sturzenegger beim Betreten ihrer Gaststube ständig den Kopf einziehen; sie führt die Bewegung mit grazilem Charme aus. Ein Gast. der sie nachzuahmen versucht, läuft Gefahr, den Kopf anzuschlagen . .,Die Tür ist das einzige, was nicht grösser wird“, bemerkt der Wirt dazu. 

Das Durchschlüpfen bekommt in diesem Haus eine besondere Bedeutung. Jn welchem Restaurant gibt es schon ein Seelenfenster in der Toilette zu besichtigen? Nirgends auf der Welt, nur im „Urwaldhus“! Bereits im Korridor fällt eine kleine, klappenartige Durchreiche auf. Darüber hängt ein Tüchelbohrer mit langem Stiel. Dass dieses Gebäude viel zu erzählen hat, sticht ins Auge. Es ist eine Fundgrube für Geschichten. Der Gast fühlt sich in die magische Welt des Mittelalters versetzt. wenn die Wirtin davon berichtet, dass das Gebäu-de vor fünfhundert) Jahren während der Pestzeit und Choleraepidemien als Siechenhaus gedient hat. Die (noch) gesunden Leute griffen damals einer Richtung der Ausgrenzung voraus, die heutzutage eher Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen erleben: über eine Leiter wurden damals unheilbar Kranke regelrecht in das türen- und weit-gehend fensterlose Siechenhaus „transportiert“ bez. geschoben Und die schmale Durchreiche für das Essen sollte Gesunde vor Ansteckungen bewahren, während die eingekerkerten Todgeweihten ihre letzten Erdentage weit eher in einem Verliess als in einem Haus verbringen mussten. 

Sich dies vorzustellen, bringt heute wohl manchen Zeitgenossen zum Schaudern. Einst gab es im „Urwaldhus“ auch ein Zimmer (heute ist es die Toilette). aus dem das bereits erwähnte – recht winzige – Seelenfenster ins Freie führte Durch dieses Fensterchen, so glaubte man, konnte die Seele eines eben Verstorbenen in die bessere oder schlimmere Welt entweichen … 

Einen Zugang zu einer anderen Zeit bietet auch das in den Wandschrank gebaute Bett in der heutigen Gaststube. Es war früher die einzige Liege in einem vom Kachelofen geheizten Raum. Aber heute schläft niemand mehr in diesem von karierten Vorhängchen geschmückten Bett (oder macht auf ihm ein Nickerchen) – in der Nische befindet sich vielmehr die Radioanlage. 

Der Name „Urwaldhus“ lässt desweitern vermuten, man müsse nur vor die Haustürtreten und schon befinde man sich mitten in einem dunklen Wald. Dem ist natürlich nicht so; und auch die Chance. einem Bären zu begegnen, ist relativ gering. Statt dessen empfängt den Gast draussen eine kleine, jedoch hübsche Gartenwirtschaft und entführt ihn in eine heute selten gewordene Stil-le; kein Panoramablick, den fotografierende Touristen verstellen wird allerdings geboten, dafür die Sicht auf Wiesen und zu einem Waldrand, der auf den Betrachter beruhigend wirkt 

Ein Porträt an einer der Wände der heimeligen Wirtsstube stellt einen flüchtigen Moment dar: Die im Nachhinein berühmt gewordene frühere Wirtin Frieda Fässler steht auf diesem Foto an einem Fenster ihrer Bauernbeiz. Das Bild löst Neugierde aus. Man möchte etwas über die ledige Frau mit ihren acht Geschwistern erfahren Zum Glück scheut Susi Sturzenegger nicht davor zurück, Wundernasen zu erzählen. dass Frieda Fässler den Geruch von Käse – im Gegensatz zu jungen männlichen Gästen. die sie gerne im Haus behalten habe – gar nicht mochte. Selbst Schatzsucher könnten im „Urwaldhus· fündig werden; hartnäckig hält sich nämlich das Gerücht. die einstige Chefin des „Bären hätte alte Münzen im Keller unten aus-gegraben, hernach gesammelt und ausgestellt und später wiederum im Haus versteckt. 

Wie immer, an frühere Zeiten erinnert auch eine Öllampe. Sie hängt an einer langen Eisenstange im Saal, erinnert entfernt an eine Waage. Der Docht wurde früher in Schweineöl eingelegt, bevor er als brennende Lichtquelle benutzt wurde. Brenzlige Zwischenfälle verdunkeln überhaupt die Geschichte der Wirtschaft, beim Kirchenbrand von 1890 sind leider alle alten Schriften verbrannt. 

Einen Stammgast faszinieren und beschäftigen während unseres Besuches aber mehr die verzapften Balken. der sogenannte Strickbau. Seinen bisher unwiderlegten Äusserungen zufolge darf der Bau des alten Bauern-hauses als erdbebensicher gelten; ausserdem steht es unter Heimatschutz. 

Bei verschiedenen Beben und grossem Hunger wird man im „Urwaldhus“ immer diverse Appenzeller Spezialitäten bekommen: Buure-Speck, Pantli, Chäs-Hörnli. Siedwürste und vor allem Chäsfondue à la Bärensusi, ausser montags. wenn Ruhetag ist. Dieses Fondue besteht nicht aus zufälligen oder komplizierten Mischun-gen. die Modetrends folgen. sondern verdanken ihren weltweiten Erfolg weitgehend der sicheren Hand der Wirtin, die mit bärenhafter Stärke rührt.       René Sommer